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"Knochen- und Weichteilsarkome" neue Behandlungsstrategien?

Prof. Dr. med. J. Bruns  Oberarzt
Leiter der Tumorgruppe
Klinik u. Poliklinik f. Orthopädie
Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf;
Martinistrasse 52
20246 Hamburg
jbruns@uke.uni-hamburg.de

Schwerpunkte:
Diagnostik aller muskuloskeletalen Tumoren in Zusammenarbeit mit der  Abteilung für diagnostische und interventionelle Radilogie sowie dem Institut f. Osteopathologie


Telefonische- und Internet-Beratung von ärztlichen Kollegen für die Behandlung Ihrer Tumorpatienten

Ambulanz:
jeden Donnerstag Tumorsprechstunden in der Poliklinik f. Orthopädie;

Anmeldung:  
Tel. 040 / 42803 - 6120 oder
Fax 040 / 42803 - 4988 (Fr. Stotz)

Weitere Schwerpunkte:
Diagnostik und Behandlung von Knorpelschäden verschiedener Gelenke Diagnostik und Behandlung des Krankheitsbildes der Osteochondrosis dissecans  




PROTOKOLL

"Knochen- und Weichteilsarkome" neue Behandlungsstrategien?

Berlin / Rudow SCHMA: Gibt es spezifische Symptome, wo auch gleich der Kinderarzt einen Hinweis bekommt, wonach er möglicherweise suchen soll?

PROF. BRUNS : Das große Problem bei diesen Tumoren des Knochens und der Weichteile ist, daß es keine spezifischen Symptome gibt. Im Zweifelsfall gibt es keine Schmerzen, sondern nur eine Schwellung oder selbst die Schwellung wird nicht bemerkt, sondern wird erst zufällig entdeckt von Eltern oder Angehörigen. Das heißt, der behandelnde Arzt muß über die Behandlung Bescheid wissen. Er muß z. B. wissen, daß das Osteosarkom das häufigste Knochensarkom im ersten und im zweiten Lebensjahrzehnt auftritt. Er muß wissen, daß diese Knochensarkome am häufigsten in der Kniegelenksregion auftreten. Und man darf es auf keinen Fall als Bluterguß oder ähnliches abtun, man sollte immer eine bildgebende Diagnostik durchführen.

BenVoss : Machen Knochentumore starke Schmerzen oder wickelt sich so etwas eher schmerzlos ab?

PROF. BRUNS : Es macht häufig Schmerzen aber das ist kein verläßliches Symptom.

Schumacher : Unterscheiden sich die einzelnen Arten von Knochentumoren in ihrer Aggressivität?

PROF. BRUNS : Wenn man davon ausgeht, daß es sich um einen bösartigen Tumor handelt, können diese sehr unterschiedliche Aggressivität haben. Dabei unterscheidet man nach der Gewebe -untersuchung. Hochbösartige Tumoren, die im feingeweblichen mikroskopischen Bild sehr undifferenziert, also wild, aussehen und andere Tumoren, die sehr differenziert sind, trotzdem bösartig und ein relativ ruhiges feingewebliches Bild geben. Davon abhängig ist die Aggressivität, die Notwendigkeit der zusätzlichen Chemotherapie und auch die Prognose.

Vollmann : Kann man nur über Bildgebung eine definitive Diagnose stellen? Oder muß ich mich einer Gewebeentnahme stellen? Ich würde diesen zusätzlichen Eingriff sehr gern vermeiden!

PROF. BRUNS : Man kann durch die Bildgebung die diagnostisch in Frage kommenden Erkrankungen bzw. Tumoren eingrenzen, da die notwendige Therapie bei bösartigen Tumoren eine sehr aggressive ist, muß man eine feingewebliche Diagnosesicherung auch aus ethischen Gründen anstreben. Derartige Biopsien oder sogenannte Probenentnahmen sollten möglichst an Tumorzentren durchgeführt werden, da in solchen Zentren im interdisziplinären Gespräch zwischen dem Operateur und dem Radiologen und dem Pathologen, der die fein¬gewebliche Untersuchung machen muß, gesprochen werden muß. Bei diesem Gespräch können die in Frage kommenden Tumorarten eingegrenzt werden.

Hedwig_Hörner : Unser Sohn hatte Schmerzen am Bein mit einer leichten Schwellung. Keiner ist darauf gekommen, dass er Krebs haben könnte. Wir sind hin und her gelaufen, bis plötzlich ein Radiologe gesagt hat, ich mach jetzt noch mal eine Zusatzaufnahme. Wir konnten uns darunter nichts vorstellen, aber hinterher hatten wir eine Diagnose und waren fassungslos. Bei uns ist fast ein halbes Jahr vertan worden. Warum kommt da keiner drauf?

PROF. BRUNS : Man weiß, daß die Diagnosestellung teilweise ein halbes Jahr in Anspruch nehmen kann. Das liegt an verschiedenen Gründen. Einerseits kann es sein, daß der Patient relativ spät zum Arzt geht, es kann daran liegen, daß der Arzt mit der Erkrankung wenig Erfahrung hat.Deshalb ist die Ausbildung der Ärzte über Knochen- und Weichteilsarkome besonders wichtig, da diese Sarkome sehr selten sind.

wrobelski : Insgesamt sind das ja doch ziemlich seltene Erkrankungen. Was ist häufiger, Knochentumore oder Weichteilsarkome?

PROF. BRUNS : Die Weichteilsarkome sind 10 x häufiger als Knochensarkome.

Karl Maass : Gibt es Früherkennungsmethoden?

PROF. BRUNS : Es gibt leider keine Früherkennungsmethoden. Das Wichtigste ist, an derartige Tumoren zu denken.

Wolkenhauer : mein Vater (78 Jahre) hat, resultierend aus dem Prostatakrebs Metastasen in den Knochen. Im Frühjahr/Sommer 2003 wurde er an der Prostata im AK Harburg operiert. Zu diesem Zeitpunkt waren seine Werte in Ordnung. Aufgrund starker Knochenschmerzen wurde im Dezember 2003 eine Blut- und Knochenuntersuchung durchgeführt. Die alkalischen Phosphate lagen zu diesem Zeitpunkt bei 348 U/l und der PSA bei 177,5 ug/l. Trotz eingeleiteter Behandlung mit Enantone und Androcur stiegen die Werte bis Januar weiter, der PSA-Wert auf über 400. Die Behandlung mit Multosin und Enantone führte zu einem sinken des PSA-Wertes auf unter 200 (Februar). Wir haben am kommenden Dienstag den nächsten Termin bei dem behandelnden Urologen (Dr. Otte / Hamburg-Harburg). Die Situation ist z.Z. folgende: Meinem Vater geht es seit dem letzten Termin bei Dr. Otte kontinuierlich schlechter. Seine Bewegungsmöglichkeiten sind stark eingeschränkt. Der körperliche Abbau ist deutlich sichtbar. Seit Beginn der Behandlung hat er Schmerzen die jetzt ein Stadium erreicht haben wo Maßnahmen ergriffen werden müssen. Kann ich meinem Vater in irgendeiner Form zu einer Linderung bzw. Verbesserung verhelfen?

PROF. BRUNS : Ihr Vater leidet offensichtlich unter Knochenmetastasen des Prostatakarzinoms. Im Unterschied zu den Sarkomen handelt es sich dabei um sog. sekundäre bösartige Knochen-tumoren. Die Behandlung von Seiten der operativen Disziplinen der Knochenmetastasen sieht dabei anders aus. Häufigster Ort der Knochenmetastasen am Skelett ist die Wirbel¬säule. Hier kommen verschieden Therapiemöglichkeiten in Frage, die sich nach dem Ausdehnungsgrad der Erkrankung, der Stabilität der betroffenen Wirbelsäulenabschnitte und der zusätzlichen möglicherweise vorliegenden neurologischen Symptome richtet. Häufig ist das Ziel der Behandlung nur noch in einer Schmerzlinderung zu sehen. Sollte es sich jedoch um eine Querschnittssymptomatik, um einen drohenden Knochenbruch oder um eine bereits eingetretene Fraktur handeln, muß operiert werden. Die Behandlung der Grunderkrankung obliegt den Spezialisten der entsprechenden Erkrankung, d. h. hier dem Urologen. Zusätzlich kommen schmerztherapeutische Anwendungen wie Medikation mit Schmerzmitteln oder auch die Applikation von Schmerzpumpen oder Schmerzpflaster in Frage, die kontinuierlich die Beschwerden lindern sollen.

Ladan Petersen : Chemo ist ja für Jugendliche einfach eine Katastrophe. Muss die eigentlich immer sein, oder gibt es eine andere Möglichkeit?

PROF. BRUNS : Bei den Knochen- und Weichteilsarkomen hat sich im Laufe der letzten Jahrzehnte gezeigt, daß sich die kombinierte Behandlung mit Chemotherapie, Operation und nochmaliger anschließender Chemotherapie die besten Behandlungsergebnisse erbracht hat. Eine Operation kann lediglich lokal den Tumor entfernen. Die Komplikationen, an denen der Patient versterben kann, sind die Metastasen, die trotz optimaler Operation nicht unbedingt vermieden werden können. Sobald ein Tumor Anschluß an das Blutgefäßsystem erlangt hat, streut er Tumorzellen über dieses Blutgefäßsystem in den ganzen Körper und deshalb ist die Chemotherapie bei den meisten Tumoren notwendig.

Rüter : Wir haben ganz schlechte Erfahrungen gemacht mit der Phase der Diagnosestellung. Wirwaren ausschließlich auf niedergelassene Ärzte angewiesen, sind von Pontius zu Pilatus geschickt worden, bis einer auf die Idee kam unseren Sohn, damals 15 Jahre, in die Uniklinik Ulm zu überweisen und dann endlich bekamen wir die Diagnose und auch eine, wie wir finden hervorragende Behandlung. Sie haben unseren Sohn dort gerettet, aber wir fragen uns natürlich immer, ob man das Bein hätte retten können, wenn die Diagnose schneller da gewesen wäre. Eine sehr belastende Hypothek für die ganze Familie!

PROF. BRUNS : Offensichtlich hat Ihr Sohn an einem Sarkom gelitten, wahrscheinlich ein Osteosarkom oder Ewing-Sarkom, das so groß war, daß es nicht mehr in Gänze im Gesunden entfernt werden konnte, ohne das Bein zu opfern. Ob der Tumor bei früherer Diagnosestellung kleiner gewesen wäre und damit der Erhalt des Beines möglich gewesen wäre, kann man so nicht beantworten. Möglich ist auch, daß der Tumor hätte entfernt werden können, ohne das Bein zu opfern, dieses kann man aber nachträglich nur schwierig beantworten. Da die Techno¬logie des Extremitätenerhaltes sich in den letzten Jahren durch neuere Tumorendoprothesen verbessert hat.

Karl Maass : Welche neuen Behandlungsstrategien gibt es?

PROF. BRUNS : Die Behandlungsstrategien haben sich in Abhängigkeit von der Art des Tumors unter-schiedlich verbessert. Bei Knochentumoren, d. h. dem Osteo- und dem Ewing-Sarkom, ist über die letzten Jahrzehnte durch Langzeitbeobachtung und eine bundesweite Studie die Chemotherapie verbessert worden. Bei der anderen großen Gruppe, der Chondrosarkome hat sich leider bisher noch keine Möglichkeit der Chemotherapie durchgesetzt. Die operativen Behandlungsmöglichkeiten sind aufgrund der verbesserten Bildgebung und der verbesserten Technologie der Tumorendoprothesen inklusive des Beckenteilersatzes verbessert worden. Für die Weichteilsarkome gibt es noch keine eindeutigen Verbesse¬rungen durch eine systemische Chemotherapie, daran wird jedoch gearbeitet. In speziellen Fällen kann bei ausgewählten Weichteilsarkomen der Extremitäten, d. h. also vornehmlich an den Beinen, eine sehr wirksame aber auch relative komplikationsträchtige lokale Chemo¬therapie über spezielle Kathetersysteme durchgeführt werden. Diese sog. Extremitäten¬perfusion ist jedoch nur an sehr wenigen Zentren möglich.

tim seitz : Die Diagnose hat uns schon erledigt, dann gab es Hoffnung, aber wenn ich mir die Operation vor Augen führe, dann sind wir wieder tief deprimiert, wie man da hinterher mit leben soll. Es geht um die Rekonstruktion der Hüftpfanne und Teile des Beckens. Und das bei meiner 21 jährigen Tochter!!!!!! Ist danach noch ein annähernd normales Leben möglich, keine Familie möglich. Wir finden das alles unglaublich schwer.

PROF. BRUNS : Ähnlich wie bei der Rekonstruktion von Extremitäten, die einen Tumor trugen, hat sich die Technologie des sog. Beckenteilersatzes wesentlich verbessert. Trotzdem bleibt dieser Eingriff ein sehr komplikationsträchtiger, da die verschiedenen Steuerungs- und Versor-gungssysteme, d. h. Nerven und Blutgefäße, von der Wirbelsäule bzw. von den großen Blutgefäßen über das Becken in das Bein ziehen. Es gibt eine andere Methode, die auf den Einbau eines Beckenteilersatzes, d. h. auf den Einbau einer künstlichen Pfanne verzichtet. Diese Methode ist etwas komplikationsärmer. Voraussetzungen für beide Methoden ist aber die vollständige Entfernung des Tumors. Die resultierende Lebensqualität ist bei beiden Arten der operativen Versorgung akzeptabel. In Anbetracht der Tatsache, daß es sich um einen Beckentumor handelt. Bislang ist mir nicht bekannt, daß eine Familienplanung völlig unmöglich ist. Diese muß man jedoch im Einzelfall entscheiden. Man kann das pauschal nicht beantworten.

NMB : Frage 1: Welches sind die aktuellen (1) Dosierungen, (2)Verabreichungszeiträume und (3) stationäre Kontrollzeiträume nach Applikation der nach dem COSS96-Protokoll angewen-deten Chemotherapeutika: * Adriamycin (A): 45 mg/qm ? * Methotrexat (MTX) 12 g/qm? * Ifosfamid (I)? * Cisplatin (P)? Frage 2: Was ist zu tun, wenn vor der zweiten MTXgabe der Creatininclearancewert bei 67 liegt? Wiederholung der Crea-Clearance; Welches wäre der vorgesehene Alternative MTX-Ersatz? Frage 3: Welches sind die essentiellen Verhaltens-massregeln des Behandelten? Z.B. >2 l trinken pro Tag, 4-6 mal Mundspülen mit Salbeitee und Moronal, 2x Fiebermessen etc.? Frage 4: Auf welche Anzeichen einer Toxizität der vier Therapeutika muss vom Patient und behandelnden Arzt unbedingt geachtet werden, um Schaden zu verhindern und evt. das gerade eingesetzte Mittel sofort abzusetzen? Herz-beschwerden (welche?) Höreinschränkung (bei P)? Sehstörungen? Schwindel? Schmerzen?

PROF. BRUNS : Das sind explizit Fragen, die den medizinischen bzw. pädriatischen Tumorspezialisten betreffen. Die verschiedenen Zytostatika haben teilweise Ersatzpräparate. Außerdem kann man einige Nebenwirkungen durch zusätzliche Schutzmedikamente verringern. Leider kann man sie nie ganz vermeiden.

Tässi : Was halten Sie von einer Platin-Therapie bei multiplen fokalen Mehrbelegungen der gesamten WS? Kann man die Chancen zur Heilung in Prozent ungefähr benennen?

PROF. BRUNS : Leider ist die Frage so nicht zu beantworten. Wenn es sich um multiple Knochenmetastasen eines anderen Ausgangstumors handeln sollte, ist die Heilungsrate abhängig von dem Ausgangstumor. Prinzipiell aber leider vermutlich gering.

Gisi : Ich habe seit 7 Monaten Schmerzen an beiden Knieseiten und seit 4Wochen eine Taubheit in der Kniebeuge . Bei Ruhestellung habe ich das Gefühl, das Bein wird taub und dick, oberhalb der Kniebeuge (Oberschenkel) ist jetzt auch noch ein eigroßer Klumpen zu spüren der bei jeder Bewegung schmerzt. Beim Auftreten habe ich immer Angst, mir knackt das Knie zur Seite weg. Ich bin letztes Jahr operiert worden Arthrose unter der Kniescheibe, aber 3 Tage später waren die Schmerzen wieder da. Um was kann es sich handeln ?

PROF. BRUNS : Wahrscheinlich handelt es sich bei Ihnen nicht um einen Tumor im eigentlichen Sinne. Dazu müßte man jedoch die Bildgebung kennen. Ich vermute, daß Sie aufgrund der Arthrose im Kniegelenk eine sog. Baker-Zyste haben, die möglicherweise auf einen der beiden Haupt-nerven, die durch die Kniekehle oder am Außenrand der Kniekehle langziehen, drückt.

Tomasic : Wann ist der Zeitpunkt gekommen, wenn man das Bein opfern muß. Macht es Sinn, erst dafür zu plädieren den Tumor großräumig herauszuschälen oder aus Sicherheitsgründen gleich unter dem Knie zu amputieren. Es geht um unseren 12-jährigen Sohn.

PROF. BRUNS : Es kommt auf die Art des Tumors (Knochen oder Weichteile) und auf die Ausdehnung des Tumors an. Sollte der Tumor in Gänze entfernbar sein - Voraussetzung ist, daß er ohne verbliebene Rest entfernt werden kann - dann kann man durch verschiedene rekonstruktive Verfahren inklusive sog. plastisch-chirurgischer Maßnahmen, d. h. Gewebeersatz durch transplantierte Muskeln oder Knochen, eventuell den Unterschenkel erhalten. Leider kann man ohne Kenntnis der einzelnen Befunde die Frage nicht weitergehend beantworten.

Ali_Argens : Gibt es inzwischen unterschiedliche Chemotherapien für jüngere Kinder und junge Erwachsene. Unser Enkel leidet entsetzlich, mit ihm die Eltern und wir surfen ständig durchs Internet um herauszufinden, ob es vielleicht Abstufungen gibt. Wir können jetzt leider nicht genau sagen, was er bekommt, aber allein die Information, ob es für einen 9jährigen vielleicht gesonderte Stoffe gibt, würde uns schon weiterbringen, denn der Onkologie verneint das bisher.

PROF. BRUNS : Die Auswahl der Medikamente richtet sich nach dem Tumortyp. Die Dosierung nach der Körperoberfläche.

MarcusTomsen : Wenn tatsächlich ein Bein amputiert werden muss bei einem ganz jungen Menschen. Was gibt es da für Ersatzteile, wie Prothesen, mit denen man ein relativ normales leben führen kann? Gibt es unterschiedliche Qualitäten, wie sind die Sparmaßnahmen durch die Kassen, greifen die auch da schon? Ich frage, weil ich zufällig hier in die Sprechstunde gekommen bin und der Sohn (16) eines Kollegen betroffen ist und die Familie momentan auf die end¬gültige Diagnose wartet. War viel Hin und Her. Vielleicht kann der Experte schon mal sagen, worauf die Familie achten muss. Sind Ärzte schnell bei der Hand mit Amputation, zur Sicher¬heit. Oder ist es eher andersherum und dadurch wird dann das Leben des Kindes gefährdet. Eine ganz schwierige Situation für alle Beteiligten.

PROF. BRUNS : Zum ersten Teil der Frage kann man sagen, daß es sehr gute und speziell für Tumor¬patienten anwendbare Prothesen nach Amputationen gibt. Meines Wissens nach gibt es keinerlei Einschränkungen durch Krankenkassen hinsichtlich der Bezahlung. Die Notwen¬digkeit für eine Amputation richtet sich Gott sei Dank noch nicht nach ökonomischen Gesichtspunkten. Sondern ist eine Entscheidung des behandelnden Zentrums. Voraus¬setzung für eine Langzeitprognose ist, daß der Tumor in Gänze entfernt wird. Wenn versucht wird, diese Notwendigkeit zu umgehen, nur um das Bein zu erhalten, hilft es dem Patienten wenig. Des Weiteren ist zu berücksichtigen, daß auch langfristig die Versorgung eines Beines mit einer sog. Tumorendoprothese nicht unkompliziert ist. Und im schlimmsten Fall trotz Tumorfreiheit zu häufigen weiteren Operationen aufgrund von Komplikationen durch die Tumorendoprothese oder andere rekonstruktive und beinerhaltende Maßnahmen Anlaß gibt.

R-Luback(Wien) : Mir ist bei der Untersuchung der Knochen gebrochen. Die Ärzte waren darüber nicht so überrascht, aber ich bin stark verunsichert. Was bedeutet das jetzt für mich. Ergeben sich daraus weitere Probleme. Ist das ein Hinweis auf die Schwere der Krankheit? Man hat mir gesagt, dass man Absiedelungen vermutet. Das soll jetzt noch geklärt werden. Bin 19 Jahre und mir wurde gesagt es ist ein Osteosarkom.

PROF. BRUNS : Ihre Verunsicherung kann ich verstehen. Eine sogenannte pathologische Fraktur, die ich bei Ihnen annehme, sollte das bekannte Behandlungsschema bei Osteosarkom nicht wesentlich beeinträchtigen. Vorrangig ist eine Chemotherapie nach Plan und dann wird man später entscheiden, wie der Tumor versorgt wird.

Stemmann Ulf : In welchem Alter sind Knochentumore am häufigsten.

PROF. BRUNS : Die Antwort ist abhängig von der Art des Knochentumors. Für das Osteo-und das Ewing-Sarkom besteht ein Altersgipfel im zweiten Lebensjahrzehnt. Für das Chondrosarkom gibt es einen Altersgipfel im höheren Lebensalter, im 6. und 7. Lebensjahrzehnt, selten sind sogenannte sekundäre Osteosarkome, die bei verschiedenen, durchaus gutartigen, Knochenerkrankungen oder nach Bestrahlung einer anderen Erkrankung entstehen.

Nils : Gibt es einen Unterschied zwischen Jungen und Mädchen? Gibt es da unterschiedliche Gefährdungs- oder Häufigkeitspotentiale?

PROF. BRUNS : Das Osteosarkom ist zweimal häufiger bei Jungen als bei Mädchen. Bei den Chondro-sarkomen gibt es keinen wesentlichen Altersunterschied. Das Verhältnis beim Ewing-Sarkom ist ebenfalls 2 : 1.

Jungert Itzehoe : Künstliche Gelenke gibt es seit langem gibt es auch künstliche Knochen, die bei Knochen-krebs eine Rolle spielen?

PROF. BRUNS : Rein künstlichen Knochen gibt es nicht. Zumindest nicht, daß er sich in der klinischen Anwendung befindet. Als Alternative zu einer Tumorendoprothese kommen sogenannte amputative Verfahren in Frage. In speziellen Fällen eine sogenannte Umkehrplastik, d. h. eine Maßnahme, die Teile der Extremität erhalten, wobei dazu die Indikation sehr speziell ist. Es gibt jedoch sogenannte allogene Knochentransplantate, ähnlich wie bei Nieren- oder Leberspendern, die als alternative Behandlungsmethode in Frage kommen. Die Entschei¬dung, welche Maßnahme getroffen wird, ist im Einzelfall zu entscheiden.

Ignacio : Ich habe von einer Umkehrplastik gehört. Das hört sich auf der einen Seite vielversprechend an, aber warum den Fuß opfern? Was nützt unserem Sohn ein „Knie“, wenn er keinen Fuß mehr hat?

PROF. BRUNS : Eine Umkehrplastik ist keine echte Alternative zu dem Einbau einer Tumorendoprothese. Weil Tumorendoprothesen eine gewisse Mindestgröße haben müssen um stabil zu sein, derartige Prothesen für kleine, d. h. kindliche Patienten, sind in der Entwicklung. Sollte es sich um einen erwachsenen Patienten handeln, bei dem eine Umkehrplastik durchgeführt werden soll, wird es andere Gründe geben, daß ein Extremitätenerhalt mit z. B. Einbau einer Tumorendoprothese nicht mehr möglich ist. Größere Untersuchungen mit standardisierten Fragebögen, die die langfristige Lebensqualität der Patienten untersuchen, haben in einzelnen Punkten sogar bessere Ergebnisse für die Umkehrplastik ergeben.

karlmaass : Welcher Knochenkrebs neigt am häufigsten zur Metastasierung?

PROF. BRUNS : Die häufigsten bösartigen Tumoren, die zur Metastasierung in den Knochen neigen, sind der Lungenkrebs, der Brustdrüsenkrebs, der Nierenkrebs, der Schilddrüsenkrebs, der Prostata-krebs. Außerdem gibt es das sogenannte Plasmocytom, ist ebenfalls relativ häufig, hat aber eine Zwischenstellung zwischen Primärtumoren und Metastasen.

KatjaHunt : Ich könnte mir gut vorstellen, daß bei extrem viel Sport und Kraftanstrengung ein Knochen-tumor entstehen kann, durch die dauerhafte Überbeanspruchung und Reizung des Gewebes. Hat das schon mal jemand untersucht?

PROF. BRUNS : Für die Vermutung, daß Sport oder andere dauerhafte Überlastungen einen echten Knochentumor entstehen lassen, gibt es keine sicheren Beweise. Jedoch können chronische Entzündungen oder andere gutartige Knochenerkrankungen sekundär entarten.

Chris-Seker : Hatte Ewing-Sarkom am Becken, ist operativ entfernt, Becken konnte komplett erhalten bleiben. Kann das wiederkommen?

PROF. BRUNS : Prinzipiell kann ein Ewing-Sarkom, aber auch die anderen Sarkome, erneut am gleichen Ort auftreten. Es handelt sich dabei um sogenannte Rezidive. Das Auftreten von Rezidiven ist u.

Frau Gatzow : Kann mir der Experte erklären, wie plötzlich an einem harten Knochen Krebs entstehen kann? Ich dachte, das ist immer nur an Organen oder Gewebe. Wen betrifft es? Gibt es Menschen die besonders gefährdet sind/Vererbung?

PROF. BRUNS : Man muß zwischen Metastasen am Knochen und primären Knochensarkomen unter¬scheiden. Die Knochenmetastasen entwickeln sich über die Zerstreuung von Krebszellen über das Blutgefäßsystem, welches auch den Knochen in unterschiedlichem Maße versorgt. Bei den Knochensarkomen gibt es für die meisten Fälle keine Vererbung im eigentlichen Sinne. Jedoch hat man in den Tumoren selbst Veränderungen des genetischen Bauplanes in unterschiedlichem Maße und in unterschiedlicher Form gefunden. Nur sehr selten gibt es spezielle Erkrankungen mit genetischen Störungen oder in Kontakt zu verschiedenen Gift-stoffen, die selten ein Knochen- oder Weichteilsarkom auslösen können.

Leila SOberza : Bei meinem Enkel gab es den Verdacht auf Knochenkrebs. Er musste so viel durchmachen bei der Diagnostik, dass wir heftig mit ihm gelitten haben. Wir haben immer überlegt, ob es nicht auch mit modernen Methoden einfacher, weniger belastend geht? Besonders die Biopsie war sehr schwierig und den Beinmuskel beschädigt. Es stellte sich dann heraus, dass es kein Knochenkrebs war, sondern eine Zyste. Regeneriert sich der durchbohrte Muskel wieder vollständig? Innerhalb welches Zeitraumes?

PROF. BRUNS : Die Biopsie ist aufgrund der Tatsache, daß es möglicherweise sich um einen Knochenkrebs handeln könnte unumgänglich. Nur sie kann die Diagnose sichern. Diese Sicherheit ist zwingend notwendig, um eine meist notwendige Chemotherapie einzuleiten. Die Biopsie wird möglichst schonend durchgeführt und hinterläßt leider auch am Muskel eine kleine Narbe. Da jedoch später der Tumor in Gänze entfernt werden muß, ist diese kleine Narbe, die bei der späteren Operation, die wahrscheinlich ein ungleich höheres Ausmaß haben wird, mit entfernt wird, nicht das Problem.

Henkel : Ich habe ein etwa 8cm großes Enchondrom am Oberschenkel. Was raten Sie mir zu tun? Wie hoch ist die Wahrscheinlichkeit der Entartung? Besteht bei sportlicher Aktivität (3mal joggen, 2mal Fitness) eine größere Wahrscheinlichkeit der Entartung von Enchondromen?

PROF. BRUNS : Die Notwendigkeit, ein Enchondrom zu entfernen, wird unterschiedlich diskutiert. Die eine Gruppe sagt, daß ein Enchondrom, wenn es verschiedene Voraussetzungen erfüllt, entfernt werden sollte. Die andere Gruppe ist der Meinung, daß derartige Enchondrome belassen werden können, es sei denn, sie sind so ausgeprägt und dünnen den Knochen derart aus, daß eine erhöhte Frakturgefahr besteht. Die Wahrscheinlichkeit der Entartung kann nicht genau angegeben werden, weil die Gesamtzahl der Enchondrome nicht bekannt ist. Das Entartungsrisiko ist damit nicht sicher einzuschätzen aber wahrscheinlich eher gering. Es ist nicht belegt, daß sportliche Aktivitäten zu einer größeren Wahrscheinlichkeit der Entartung von Enchondromen führen.

lyra : Knochentumore sind ja wohl ganz selten. Gibt es für die Behandlung noch mehr Spezialisten außer Prof. Bruns und gibt es auch besondere Kliniken in Deutschland? Nach welchen Stich-worten muss man da suchen im Internet?

PROF. BRUNS : Ohne den Anspruch auf Vollständigkeit der folgenden Liste und ohne die Bewertung durch die Reihenfolge der Nennung, gibt es in Münster/Westfalen, Heidelberg, Berlin, München, Frankfurt und natürlich in Hamburg operative Spezialisten und die entsprechenden Nachbar-disziplinen, die derartige Knochentumore behandeln.

ENghusen : Sind eigentlich immer nur Kinder betroffen oder kommen solche Tumore auch mal bei Erwachsenen vor?

PROF. BRUNS : Das Osteo- und das Ewing-Sarkom haben Ihren Erkrankungsgipfel im 1. bzw. 2. Lebens-jahrzehnt, können aber auch bei Erwachsenen auftreten, wobei ihre Häufigkeit mit zunehmendem Lebensalter abnimmt. Das Chondrosarkom weist in seiner Altersverteilung eine breite Verteilung über das 4., 5., 6. und 7. Lebensjahrzehnt auf.

Dralle : Wie ist das, wenn ein kleiner Tumor so groß wie ein halbes 1-Cent-Stück entdeckt wurde an der Hüfte. Es gibt doch auf der Leber auch so kleine Art Zysten, die nichts bedeuten. Ist das am Becken auch möglich, oder ist das in jedem Fall bösartig?

PROF. BRUNS : Zysten gehören nicht zu den eigentlichen Tumoren und sind in den allermeisten Fällen nicht bösartig. Eine Klärung kann annähernd eine bildgebende Diagnostik bringen, im Zweifelsfall ist auch bei gutartigen Tumoren oder tumorähnlichen Veränderungen eine Probenentnahme angezeigt.

Jan Schröder : Muß ein Arzt eine besondere Qualifikation für eine Gewebeentnahme haben, wenn es sich möglicherweise um Krebs handelt? Wird das auch geübt? Ich mache mir große Sorgen, weil unserer Enkelin so eine Untersuchung bevorsteht und ich weiß, dass ja auch Krebszellen erst dadurch weiterverbreitet werden können. Kann man das überhaupt verhindern?

PROF. BRUNS : Eine Probenentnahme zur Diagnosesicherung ist unumgänglich. Eine Verstreuung von Krebszellen jedoch findet bereits deutlich vorher statt, sobald der Tumor Anschluß an das Blutgefäßsystem findet. Die Probenentnahme sollte möglichst an einem Zentrum für derartige Erkrankungen durchgeführt werden, weil es erwiesen ist, daß die Komplikations¬und Fehlerrate an derartigen Zentren geringer ist, als wenn die Gewebeentnahme anderenorts durchgeführt wird. Ein Arzt sollte eine besondere Qualifikation für eine derartige Probenentnahme haben.

Jorem Sacken : Mein Bein konnte erhalten bleiben nach einem Osteosarkom, aber es wächst nicht richtig mit. Jetzt habe ich im Netz recherchiert, dass es eine Methode für Beinverlängerung gibt, ich glaube fitbone o.ä. Könnte man damit mein Bein verlängern?

PROF. BRUNS : Es kommt darauf an, wie das Osteosarkom bei Ihnen behandelt wurde. Vorstellbar wäre, daß man den Restknochen durch eine Operation, die diesen Knochen verlängert, auf gleiche Länge mit dem gegenseitigen Bein bringt. Speziell für Jugendliche, die sich noch im Wachstumsalter befinden, gibt es Spezialendoprothesen mit unterschiedlichen Mechanis¬men, um das Bein zu verlängern. Leider lassen Ihre Angaben keine weiteren sicheren Antworten zu.

vollmer : Bei mir hat man erst versucht, in einer ersten Operation das Bein zu erhalten und dann hatte ich die Wahl: Bein weg oder letztlich sterben. Jetzt ist das Bein amputiert, aber ich habe trotzdem Angst, das es zu spät war. In welche Organe gehen Metastasen als erstes aus-gehend von einem Osteosarkom?

PROF. BRUNS : Der häufigste Ort von Metastasen eines Osteosarkoms ist die Lunge.

Dominika Nawrodt : Bei mir musste ein entscheidender Muskel entfernt werden und ich mache mir jetzt Sorgen, wie die Prothese gehalten werden kann. Ich darf das Bein noch nicht belasten. Kann man eigentlich auch Muskeln transplantieren?

PROF. BRUNS : Natürlich kann man je nach Lokalisation und Tumorausmaß verschiedene Muskeln umlenken, um die Funktion von geopferten Muskeln zu übernehmen. Eine freie Transplan¬tation, d. h. vom Rücken auf das Bein ist möglich, aber es funktioniert der Muskel nicht mehr als Muskel mit Muskelaktion, sondern er wird transplantiert, um einen Weichteildefekt zu füllen. Für eine Muskelkontraktion braucht der Muskel immer seinen für ihn zuständigen Nerv.

Voigt6 : Welche Spezialisten sind eingebunden, wenn ein Behandlungsplan erstellt wird? Haben Eltern da überhaupt ein Mitspracherecht, wie es weitergeht? Unsere Kinder (betrifft unseren Enkel) fühlen sich stark überfordert, weil sie natürlich emotional sehr involviert sind. Es fällt schwer, einen klaren Kopf zu behalten in dieser Situation, um zu sehen, was das beste ist. Gehen bei der Chemo auch die Haare aus?

PROF. BRUNS : Die Behandlungspläne werden nicht von den einzelnen behandelnden Ärzten gemacht, sondern haben sich aufgrund von langjährigen Datensammlungen bundesweit und inter-national ergeben. Hinsichtlich der operativen Therapie gibt es natürlich unterschiedliche Operationsverfahren. Immer ist es jedoch notwendig, anzustreben, den Tumor in Gänze zu entfernen, weil nur so im Zusammenhang mit der Chemotherapie und ggf. Strahlentherapie das optimale langfristige Behandlungsergebnis erzielt werden kann. Bei den behandelnden Ärzten ist es selbstverständlich und ihre Pflicht, über die unterschiedlichen Varianten im Rahmen dieser Therapiepläne Auskunft zu geben.

PROF. BRUNS : Ich bedanke mich bei allen Teilnehmern dieser Sprechstunde, wünsche Ihnen einen schönen Abend und hoffe, daß ich Ihnen mit meinen Antworten weiterhelfen konnte.

Ende der Sprechstunde.

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